Rituale - der Himmel auf Erden?

Anselm Grün meinte einmal: Rituale bringen mitten im Alltag den Himmel auf Erden. Ich möchte Sie heute dazu einladen, mit mir in die Welt der Rituale einzutauchen. Das Begrüßen des Tages mit dem Kaffee am Morgen, der Gute Nacht Kuss kurz vor dem Einschlafen, das Weihnachtsfest, das Zelebrieren des Jahresbeginns, haben eines gemeinsam: Es sind Rituale. Meist finden solche ritualisierten Gewohnheiten unbewusst statt, wir nehmen sie mental bewusst gar nicht wahr, sie sind fix in unserem Alltag verankert. Dennoch haben Rituale eines gemein: Sie schenken uns Sicherheit und Geborgenheit. Sicherheit, die wir gerade in Zeiten von Krisen dringend benötigen. Jede Krise bringt auch den Verlust der Kontrolle mit sich, und Rituale sind gerade dann die Strohhalme, an denen wir uns festhalten können und die uns Stabilität und Struktur geben können. 

Rituale zu Zeiten von Corona

Seit fast zwei Jahren haben wir viele unserer Gewohnheiten und Rituale nicht mehr in der Art ausleben können wie davor: die Rituale unseres Alltags - der gemeinsame Weg in die Arbeit, das Bier zum Feierabend, die eigene Geburtstagsfeier - und wie dieses Jahr: das ausgelassene Feiern des Silvesterabends - fällt in der gewohnten Weise leider aus.

 

Doch wir Menschen brauchen Rituale. Also waren auch in den letzten Monaten schnell neue da: Der frühere Händedruck wurde zur Faust-Begrüßung, Spaziergänge haben einen fixen Platz in unserer Freizeit eingenommen und manche Rituale haben wir uns trotz dieser Krise nicht entgehen lassen: wie z.B. das gemeinsame Weihnachtsfest im Kreise unserer Liebsten. Vielleicht sind uns dadurch Treffen oder Kontakte mit Freunden und Familie noch bewusster geworden, und in meinem Fall genieße ich heute diese Zusammenkünfte intensiver als früher. Dies lässt sich auch in einigen Mentaltrainings beobachten: auch Klienten kommen mit dem Wunsch nach Sicherheit und Stabilität in meine Praxis: hier können Rituale immens hilfreich sein. 

Weshalb sind aber nun speziell Rituale so wohltuend?

Nun, Rituale haben meistens klare Abläufe und geben dadurch eine gewisse Sicherheit. Gerade zu Weihnachten hat doch jede Familie klar vorgegebene Rituale: Wer schmückt den Baum, was wird gegessen, wann gibt es Bescherung, wie werden Geschenke ausgepackt - in unserer Familie ist es z.B. so, dass die Geschenke einzeln ausgepackt werden, d.h. alle schauen bei einer Person zu, diese darf dann bestimmen, wer als nächstes beschenkt wird - dadurch zeigen wir jedem Einzelnen Wertschätzung und bleiben dadurch wunderbar im Moment. Der Mensch mag keine abrupten Veränderungen und Rituale unterstützen uns dabei, eine gewisse Kontinuität und Verlässlichkeit herzustellen. Unser Gehirn liebt wiederkehrende Gewohnheiten, ja es sendet sogar Hormone zur Belohnung aus, wenn wir unserer täglichen Routine nachgehen. 

Die Psychologie der Rituale

Doch Rituale können noch mehr. Sie potenzieren auch Gefühle wie Freude und Glück. So das Ergebnis einer Studie von Kathleen Vohs von der Carlson School of Management. Sie reichte Hunderten von Probanden in vier Experimenten verschiedene Nahrungsmittel. Mal durften sie Schokolade naschen, mal Limonade trinken oder Karotten knabbern.

Doch jedes Mal sollte ein Teil der Probanden vor dem Konsum ein kleines Ritual vollführen. Die Schoko-Gruppe bekam zum Beispiel die Anweisung, den Riegel erst einmal in zwei Hälften zu brechen, dann eine Hälfte auszupacken und zu essen. Erst danach sollte sie die andere Hälfte auspacken und verputzen. Ein ziemlich banaler Vorgang also – aber der wirkte. Wer zuvor das kleine Ritual vollzogen hatte, ließ sich nun mehr Zeit mit der Schokolade, genoss sie umso mehr, fand sie leckerer und wollte sogar mehr für sie bezahlen.

 

Vohs ist der Überzeugung, dass Rituale das emotionale Engagement steigern. Ein Erlebnis wirkt durch sie intensiver. Selbst kleine Rituale seien deshalb häufig enorm wirksam. Sie könnten die Menschen dazu verleiten, die Zeit umso mehr zu genießen.

Auch ich bin der Meinung, dass Rituale etwas wunderbares ins Leben bringen: Mein neuestes Ritual in der früh: einen wohltuenden Tee zubereiten und den ganz bewusst mit allen Sinnen genießen. In meiner Praxis habe ich das Ritual, dass ich bei jedem neuen Termin einen Airspray verwende, um eine gute Atmosphäre für das Gespräch herzustellen. Und seit ein paar Monaten gibt es in unserer Familie einen vierbeinigen Neuzugang Namens Nhala, auch durch sie haben wir einige neue Rituale integriert, vor allem wenn sie um 7h in der früh neben dem Bett sitzt und nach Unterhaltung verlangt. Ich möchte euch also für das neue Jahr dazu einladen, für euch selbst kleine Rituale zu entwickeln, die ihr noch nie zuvor erlebt habt. Vielleicht schreibt ihr mir, welche Effekte ihr dadurch bei euch selbst bemerken könnt.

 

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