Ratio, Bauch, Intuition - wie entscheide ich mich richtig? 

Ich habe mittlerweile ein neues Leben. Ja, es fühlt sich tatsächlich so an, bin ich doch seit mehr als 6 Monaten Mama von zwei Zwillingsbuben. Und da gibt es auf einmal ganz neue Herausforderungen zu bewältigen und natürlich auch Entscheidungen zu treffen: Wann ist der richtige Zeitpunkt für feste Nahrung? Wann sollen Babys schlafen gehen? Babys impfen lassen – ja oder nein? Sollen sie schon im Alter von einem Jahr in den Kindergarten oder nicht?

 

Wir treffen laut einer aktuellen Studie ca. 35000 Entscheidungen pro Tag, da müssten man doch meinen, wir wüssten, auf welcher Basis wir diese treffen und wie wir zur besten Entscheidung kommen? Doch kein Thema im mentalen Arbeiten lässt so viele Fragen offen, wie das optimale Fällen von Entscheidungen. Wonach gehen wir da, was leitet uns? Ist es unser Verstand, die Ratio? Oder ist es unser Instinkt? Ist es unsere Intuition, unser 6. Sinn? Oder ist es gar die Angst bzw. das Vermeiden von Risiko und Gefahr? Ich habe mich in diesem Blog diesem spannenden Thema gewidmet – mit der Idee dieses Mysterium ein Stück weit aufzuklären. 

 

Das Entscheiden nach Ratio

Bisher gingen die meisten Forscherinnen und Denkerinnen davon aus, dass gute Entscheidungen auf Vorgängen basieren, die man in der Alltagssprache mit den Begriffen „Verstand“, „Vernunft“ oder „Denken“ bezeichnet. Emotionen wurde bei Entscheidungen höchstens die Rolle eines Störenfrieds zugebilligt. „Sei doch vernünftig“ oder „Jetzt benutze doch endlich deinen Verstand!“ Nach der herkömmlichen Auffassung kann der Mensch nur dann gut entscheiden, wenn er versteht, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Denn Gefühle und ihre körperlichen Begleiterscheinungen verwirren den vernünftigen Menschen und stören seine Sachlichkeit. Gute Entscheidungen fallen emotions- und leidenschaftslos. Diese Vorstellung hat sich in unserem Alltagsverständnis so sehr festgesetzt, dass sie oftmals gar nicht mehr hinterfragt wird. Viele Menschen im Management versuchen, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen und üben sich im Pokerface (vgl. Storch, 2011, S.12ff).

 

Diese Sichtweise ist der Grund dafür, warum die Branche der Unternehmensberatungen so boomt, kritisiert Intuitionsexpertin Betsch diese Verherrlichung der Ratio. „Von Haus aus steht die Entscheidung ja meist fest – und dann kommt die Unternehmensberatung und begründet das intellektuell. Es kann sich ja kein Manager vor den Vorstand stellen und sagen, dass er die Entscheidung allein aus dem Bauch heraus getroffen hat“ (vgl. Betsch/Glöckner, 2010, S. 279ff). Um hier aus dem eigenen Nähkästchen zu plaudern: Exakt so ging es mir in einem meiner liebsten Jobs: Ich hatte eine tolle Position in einem der größten und erfolgreichsten Konzerne Österreichs - ich durfte ein Konzept kreieren, das ich wirklich wohl durchdacht und mit viel Herzblut entwickeln hatte. Danach folgt eine einjährige Prüfung und Marktforschung einer Unternehmensberatung - mit dem Ergebnis, dass mein Konzept wunderbar war. Nur hatte ich nach dem Jahr die Lust auf die Umsetzung verloren und kündigte diesen Job. 

 

Die Frage ist also: Ist es immer nur die Ratio, die bei Entscheidungen zählt. Nein, sagen die Hirnforscher Damasio und Roth. Der Neurologe Antonio R. Damasio stellte bei einem seiner Patienten namens Elliot fest, dass dieser nach einer Gehirntumor Operation extreme Probleme hatte, Entscheidungen zu treffen. Bei näheren Untersuchungen erkannte Damasio, dass bei Elliot mit der Operation Hirnareale zerstört wurden , die für die emotionale Wahrnehmung und Bewertung wichtig waren. Deshalb war es Elliot trotz hoher Intelligenz unmöglich, sich selbst bei simplen Aufgaben zu entscheiden. 

 

Wir wissen aus den Studien von Gerhard Roth, dass unsere Ratio nur einen verhältnismäßig geringen Teil unserer Informationsverarbeitung ausmacht. Den übermäßige Anteil der Verarbeitung übernehmen das Stammhirn (Intuition/Reflexe) sowie das limbische System (Emotionen/Affekte) (vgl. Roth, 2009, S. 167ff.).  

 

 

das entscheiden nach intuition

Albert Einstein benötigte 10 Jahre, um eine logische Antwort bzw. Begründung für seine Relativitätstheorie zu finden. "Die Gabe der Fantasie bedeutet für mich mehr als meine Begabung, absolutes Wissen aufzunehmen", meinte Einstein. Neun von 10 Entscheidungen im Alltag erfolgen emotional und meist unter Ausschaltung des Bewusstseins- so schätzen Kognitionsforscher  - nur zehn Prozent rein kognitiv, also mit Vorsatz und logisch. 


Was bedeutet nun der Begriff "Intuition"? Als Intuition versteht man die Fähigkeit, etwas zu verstehen oder zu wissen, ohne dass es einer bewussten rationalen Argumentation bedarf. „Intuition ist also unbewusste Intelligenz und sagt uns, was wir machen sollen.“ meint auch Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit intuitiv erworbenem Wissen. “In weiten Bereichen unserer Gesellschaft gilt Intuition als verdächtig”, so Gigerenzer. Sie wird oft missverstanden, weil sie gegen die Gesetze der Logik verstößt.

 

Der Kognitionswissenschaftler Daniel Kahneman beschreibt in seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" das intuitive Denken als "wahrnehmungsähnlich, schnell und mühelos", dagegen wäre das logische Denken anstrengend und langsam. 

 

Bis heute wird Intuition vielfach ins Esoterik-Eck gedrängt. Schauen wir uns aber große Wissenschaftler wie Albert Einstein oder Newton an - so profitierten sie vom Impuls der Intuition. Sie nutzen zwar logische Argumente, um ihre Thesen aufzustellen, zu Beginn folgten Sie jedoch einem intuitiven Impuls.

 

Intuition ist eine Art Begabung, die sich dynamisch weiterentwickelt. Die Fähigkeit zur Intuition ist damit unterschiedlich ausgeprägt: Je größer der Erfahrungsschatz, desto verlässlicher sind die intuitiven Urteile. Der Sozialwissenschaftler und Nobelpreisträger Herbert Simon hat diese Fähigkeit erforscht. Schachmeister etwa sind in der Lage, sich die Stellung der Figuren in fünf Sekunden einzuprägen und die Partie „blind“ fortzuführen. Sie profitieren von tausenden gespielten und analysierten Partien und dem schnellen Erkennen von Spielzügen. Auch erfahrene Ärzte sind zu ähnlichen Schnelldiagnosen fähig, indem sie Gerüche, Teint oder bestimmte Gesten von Patienten intuitiv deuten (Hanifle, T. /Langbein, K., 2005). 

 

Intuition ist anscheinend nur in Kombination mit Erfahrung treffsicher, auch wenn nur wenige Details davon bewusst sind.

 

Intution ist nicht fehlerlos.

Vorurteile etwa können intuitive Entscheidungen beeinflussen oder sogar überlagern. Malcolm Gladwell ging bei der Recherche zu seinem Bestseller Blink! Die Macht des Moments diesen Mechanismen auf den Grund: „Wir haben eine Vorstellung davon, wie eine Führungspersönlichkeit auszusehen hat, und dieses Stereotyp ist derart übermächtig, dass wir alle Schwächen übersehen, wenn jemand äußerlich unserem Bild entspricht." (vgl. Gladwell/Neubauer, 2005). 

 

Intuition ist auch ein unzuverlässiger Ratgeber, wenn es um Selbsteinschätzung geht. Auf einem Standesamt befragten Psychologen 130 Hochzeitspaare nach der derzeitigen Scheidungsquote. Die Antworten waren erstaunlich oft richtig. Fragte man sie jedoch nach den Möglichkeiten des eigenen Scheiterns, liegt die Antwort bei den frisch vermählten Paaren nahe null Prozent. Scheiden, das tun nur die anderen (Hanifle, T. /Langbein, K., 2005).  

 

Das Entscheiden nach Gefühl – ist es Angst oder Intuition?

Woher weiß ich, wann mein Gefühl Angst, und wann es Intuition ist? Und wann kann ich dem Gefühl in der Bauchgegend vertrauen?

 

Der wichtigste Unterschied ist, dass Intuition sich auf das "Jetzt" konzentriert, ohne sich um die Vergangenheit und Zukunft zu sorgen. Sie ist emotionsloser und leiser im Vergleich zur Angst, die mit dunklen und schweren Gefühlen einhergeht. Intuition fühlt sich richtig an, ohne übermäßig positive oder negative Gefühle auszuschütten. Angst hingegen kreiert ein lautes, alarmierendes, stressvolles Gefühl. Die Intuition ist eine subtile, aber beharrliche Stimme, während die Angst in Wellen und mit großer Intensität auftritt.

 

Achte auf deinen inneren Dialog: Angst ist ein Gefühl, dem verschiedene Gedanken vorauseilen. Wenn du Angst verspürst, tauchen Aussagen wie folgende in deinem Kopf auf: “Du bist nicht fähig”, “Du wirst dich lächerlich machen”, “Es ist gefährlich”, usw.  Die Intuition stützt sich nicht auf klare Gründe. Es ist kein negativer innerer Dialog vorhanden, du kannst jedoch körperliche Empfindungen spüren. Wenn sich etwas in diesem Moment nicht richtig anfühlt, auch wenn du nicht erklären kannst, warum, höre auf deine Intuition. Wenn du dir dagegen Sorgen machst, dass später etwas schiefgehen könnte oder dass sich eine negative Situation, die du schon einmal erlebt hast, wiederholen könnte, dann ist es die Stimme der Angst, die dich beherrscht.

 

das perfekte Paar

Wenn wir die Vernunft und ihre rationalen Argumente berücksichtigen und gleichzeitig unser emotionales Erfahrungsgedächtnis und dessen Körpersignale einbeziehen, dann werden wir nach neurobiologischen Erkenntnissen zu der bestmöglichen Entscheidung im Hier und Jetzt für die Zukunft kommen. Dabei geht es nicht allein um das volksmundige Bauchgefühl, sondern um das Einbeziehen sämtlicher Körpersignale (vgl. Uthmann, L., 2020). 

 

Glücklicherweise gewinnen Emotionen und somit die Intuition auch im Beruf wieder an Bedeutung. Fühlen ist das neue Führen. Mittlerweile zeigen Studien, dass das Einbeziehen der Intuition in Entscheidungsprozesse zu schnelleren und effizienteren Entscheidungen und Arbeitsabläufen führt. Immer mehr Manager vertrauen ihrer Intuition, wenn es um endgültige Entscheidungen geht. Vorausgesetzt, man kann die innere Stimme gut hören. Das kommt vor allem bei wichtigen Personalentscheidungen gewinnbringend zum Tragen.

 

 

 

Literatur:

Betsch, T., & Glöckner, A. (2010). Intuition in judgment and decision making: Extensive thinking without effort. Psychological Inquiry, 21(4), 279–294.

Gladwell, M. Neubauer, J. (2005). Blink: Die Macht des Moments. Frankfurt: Campus Verlag. 

Roth, G. (2009). Aus Sicht des Gehirns. Berlin: suhrkamp Verlag. 

 

Storch, M. (2011). Das Geheimnis kluger Entscheidungen: Von Bauchgefühl und Körpersignalen. München: Piper Verlag. 

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